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Wie finde ich einen guten Bestatter?

„Wie finde ich einen guten Bestatter oder eine gute Bestatterin?“ – Diese Frage bekomme ich oft von Menschen außerhalb von Berlin gestellt. Hier ist hier ein kleiner Leitfaden, der die Suche erleichtern kann. 

Eine Beerdigung kann ein wichtiges Ereignis in unserer Biografie sein und ein guter Bestattungsprozess trägt viel dazu bei, wie wir die nachfolgende Trauerzeit erleben. Daher darf man sich für die Wahl des richtigen Bestatters oder der richtigen Bestatterin ruhig ein bisschen Zeit nehmen – auch wenn die Zeit vermeintlich drängt.

Ein ansprechender Internetauftritt mit übersichtlichen Leistungs- und Preisangeboten ist ein guter Anfang, ersetzt aber nicht das persönliche Gespräch mit dem Bestatter oder der Bestatterin. Wenn genug Zeit ist, empfehle ich sogar Gespräche mit mehreren Bestatter_innen. In diesen Gesprächen müssen natürlich Preise und Leistungen erfragt werden, vor allem geht es aber darum, ein gutes Bauchgefühl zu dem Bestatter oder zu der Bestatterin zu bekommen. Die eigentliche Frage ist: Kann ich mir vorstellen, von diesem Menschen in einer intimen Situation – denn das ist eine Bestattung oft – begleitet zu werden? Und: fühle ich mich als Mensch gesehen und wertgeschätzt? Wenn sich das Bestattungsgespräch ausschließlich um die Auswahl von Sarg, Sarggarnitur und Urne dreht, liegt Schwerpunkt vermutlich nicht auf der Begleitung.

Viele Bestatter_innen operieren mit den Begriffen Würde und Pietät, ohne dass diese konkret mit Inhalt gefüllt werden. Es sollte eigentlich selbstverständlich sein, dass gut mit der toten Person umgegangen wird. Doch auch hier lohnt es sich konkret zu fragen:

  • Was genau geschieht mit den Toten?
  • Wie sieht die hygienische Versorgung aus? Kann man bei der Versorgung und beim Ankleiden dabei sein?
  • Wo werden die Toten gelagert? Darf man diesen Ort sehen?
  • Ist eine Abschiednahme von der Toten möglich?
  • Ist es möglich, im Rahmen der erlaubten Zeit noch einmal zu Hause aufzubahren?
  • Dürfen Sargbeigaben mitgegeben werden?
  • Ist es möglich, mit ins Krematorium zu kommen und die Einäscherung zu begleiten?
  • Kann man den Tag und die Uhrzeit der Kremierung zu erfahren?
  • Kann man die Überurne oder den Sarg selbst gestalten?
  • Werden andere individuelle Wünsche berücksichtigt?
  • Werden konstruktive Vorschläge gemacht, um die spezifische Situation zu unterstützen oder wird man in ein vorgegebenes Konzept gepresst?

Große Unternehmen haben den Nachteil, dass sie in der Regel arbeitsteilig arbeiten. Das heißt, die beratende Person im Laden ist eine andere Person, als die, die sich um den Verstorbenen kümmert. Wieder eine andere Person betreut die Trauerfeier. Diese Arbeitsteilung ist zwar wirtschaftlich effizient, macht die Betreuung aber unpersönlicher.

Transparente Preise

Ein transparenter Kostenvoranschlag ist ein Qualitätsmerkmal. Bestattungsunternehmen, die mit Billigangeboten werben, haben den Fokus oft nicht auf der individuellen Begleitung, sondern auf schnelle „Entsorgung“. Zudem sind die genannten Preise oft ohne Kremationskosten oder 19% Mehrwertsteuer angegeben. Statt den schnellen Klickangeboten ist es sinnvoller, in einem persönlichen Gespräch die Möglichkeiten zu erörtern und nach einem Preisnachlass zu fragen, auch wenn dies natürlich eine Hürde darstellt.

Ich denke, ganz am Ende ist die Wahl der richtigen Bestatterin oder des richtigen Bestatters eine Frage der Sympathie.

Neues Interview zur Alternativen Bestattung

Ein neues Interview zur Alternativen Bestattung ist online. Danielle Graf und Katja Seidel vom Erziehung-Podcast „Das gewünschtes Wunschkind“ haben mich zu meiner Arbeit interviewt. Herausgekommen ist ein schönes Gespräch über die Möglichkeiten der Alternativen Bestattung. Unter anderem geht es um passende Abschiedsrituale, sympathische Tote, Bestattungskosten und die richtigen Worte, wenn jemand stirbt. Hört selbst!

Podcast-Link

 

Neues Interview zur Alternativen Bestattung
Das bin ich auf auf dem Hof des Berliner Fuhrunternehmen „Gustav Schöne“. Früher waren hinter dem Holztor die Pferdeställe, heute ist dort Kühlung, wo meine Toten ruhen.

 

Ausschnitt:

Danielle: „Was sind denn so ungewöhnliche Wünsche, die an dich herangetragen werden? Du hast jetzt gesagt, eine eigene Bettdecke mit in den Sarg nehmen. Gibt es noch andere Sachen, die einfach nicht so sind, wie man sich es vorstellen würde? Oder trauen sich die Leute gar nicht?“

Julian: „So ungewöhnlich ist es gar nicht. Ich glaube, dass das Außergewöhnliche eher im Detail liegt, dass Leute sich einfach trauen, Dinge zu sagen, die sie vielleicht sonst nicht sagen würden. Oder dass ich einfach versuche, einen Raum zu öffnen, wo das, was zu der toten Person passt, da sein darf. […] Zum Beispiel wird bei der Trauerfeier vorne ein Stuhl hingestellt und die Leute werden eingeladen, etwas zu sagen. Und wenn man das hinbekommt, dass diese Angst und diese Schwere der Situation weggenommen wird, dann trauen sich die Leute auch, sich da hinzusetzen und zu sagen: Hey, mir fällt gerade gar nichts Schlaues ein, ich wollte nur sagen: danke. Und ich erinnere mich gerade an den schönen Tag am See, den wir neulich noch zusammen hatten, vielen Dank dafür.“

Katja: „Ganz häufig finden es Menschen schwierig, ihr Beileid auszudrücken. Also entweder persönlich oder auch auf der Trauerkarte. Das ist echt schwer. Gibts da irgendwelche Tipps, die du uns nennen kannst, wie es irgendwie persönlicher wird oder weniger schwer zumindest?“

Julian: „Also ich finde es tatsächlich auch total schwer. In der Rolle des Bestatter gehts immer, weil klar ist, was ich da mache und warum ich dann da bin, aber tatsächlich finde ich es auch schwierig, einem krebserkrankten Freund die richtigen Zeilen zu schreiben. Das ist einfach schwierig. Ich glaube, es ist gut, wenn man sich da ein bisschen besinnt und zusammenreißt und sagt: das ist jetzt aber wichtig, dass ich was sage, und dann ist es auch fast egal, was man dann schreibt, solange es vom Herzen kommt oder mit offenen Worten ist. Ich weiß, dass Kondolenzkarten, Karten die die Zugehörigen bekommen, denen oft total viel bedeuten. Zum Beispiel machen wir das manchmal, dass die Trauerrednerin dann aus diesen Karten zitiert, weil das Bild der Toten dann noch mal ein bisschen runder wird oder vielfältiger. Weil vielfältige Stimmen dann noch mal sagen: du warst immer so und so und dann sagen viele Leute: ja stimmt, das ist sie doch.“

neues Interview zur Alternativen Bestattung

Persönliches

Feuerbestattung oder Erdbestattung

In Berlin ist das Verhältnis von Feuerbestattung und Erdbestattung fünf zu eins. Die christlichen Kirchen haben sich lange gegen die Feuerbestattung gewehrt, denn die Zerstörung des Körpers durch Feuer galt traditionell als ein Hinderungsgrund für die „Auferstehung des Leibes“. Daher war das mittelalterliche Verbrennen auf dem Scheiterhaufen die denkbar schlimmste Strafe. Heute erkennen die christlichen Kirchen die Feuerbestattung vorbehaltlos an. Im Islam und im Judentum gibt es keine Feuerbestattung. Im Buddhismus und im Hinduismus ist sie dagegen verbreitet.

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts hat man die Feuerbestattung in Deutschland aus Gründen der Hygiene propagiert. Außerdem galt sie als ein Gegenentwurf zur christlichen Tradition der Erdbestattung. Im Zuge der Urbanisierung fehlte es in den großen Städten außerdem an Friedhofsfläche, daher wurde die Feuerbestattung kommunal gefördert. Auch die Kosten für die Kremation waren lange geringer als die einer Erdbestattung, weshalb jene vor allem von der Arbeiter_innenklasse in Anspruch genommen wurde. Mittlerweile haben sich die Kosten an die der Erdbestattung angeglichen. Das heute am häufigsten genannte Argument für die Feuerbestattung ist ein subjektiv ungutes Gefühl bei der Erdbestattung. Vielen behagt die Vorstellung nicht, in der feuchten Erde zu liegen und von Würmern zerfressen zu werden. Letztes ist allerdings ein Mythos, denn die Verwesung in der Erde geschieht durch Mikroorganismen unseres eigenen Körpers, nämlich durch Bakterien und Pilze.

Die Feuerbestattung ist eigentlich eine Luftbestattung, denn der Großteil unserer Moleküle entweicht in die Atmosphäre. Nur etwa fünf Prozent unseres Körpergewichts bleibt zurück und wird zur Asche.

Die Asche ist natürlich leichter zu transportieren als der tote Körper im Sarg. Beispielsweise kann man sie unproblematisch im Auto oder im Flugzeug ins Ausland überführen oder sogar mit der Post verschicken. Unter der Rubrik Das Grab auswählen habe ich aufgeschrieben, welche Möglichkeiten es heute für die Beisetzung der Asche gibt.

Erdgrab Berlin

Ist die Erdbestattung oder die Feuerbestattung besser für die Umwelt?

Die Frage, welche Bestattungsart umweltfreundlicher ist, ist tatsächlich umstritten. Die Feuerbestattung hat eine höhere Energieaufwendung und produziert einen erheblichen CO2-Ausstoß. Die Giftstoffe werden größtenteils im Filter der Krematorien abgefangen und als Sondermüll im Salzstock entsorgt. Die Asche enthält ebenfalls alkalische Gifte. Allerdings gibt es auch bei der Erdbestattung eine Belastung des Bodens, zumal die Medikamente und Schwermetalle in unserem Körper ungefiltert in den Erdboden und so ins Grundwasser gelangen.

Letztendlich muss jeder Mensch für sich selbst entscheiden, welche Bestattungsart für ihn die richtige ist – sofern er sich entscheiden darf: Bei ordnungsbehördlichen Bestattungen entscheidet leider der Staat.

Erbe und Nachlass

Memento mori

Schnapp Austern, Dukaten,
Musst dennoch sterben!
Dann tafeln die Maden
Und lachen die Erben.

Joseph von Eichendorff

Das Erbe antreten

Wenn ein Testament vorhanden ist, muss es zunächst eröffnet werden. Dies geschieht durch das Amtsgericht (auch Nachlassgericht), bei dem das Testament hinterlegt ist oder in dessen Bezirk der Tote gemeldet war. Hier kann man das zuständige Gericht finden.

Als Erbnachweis für Banken, KFZ-Stellen etc. genügt dann meist das eröffnete Testament in Kopie sowie das Eröffnungsprotokoll. In diesem Fall ist der Erbschein also nicht zwingend notwendig. Vor der Beantragung eines kostenpflichtigen Erbscheins ist abzuwägen, ob dieser wirklich nötig ist.

Wenn kein Testament vorhanden ist, wird der Erbschein nach gesetzlicher Erbfolge beantragt. Zuständig ist das Amtsgericht (Nachlassgericht), in dessen Bezirk der Tote gemeldet war. Der Erbschein kann bei einer Notarin oder direkt beim Nachlassgericht beantragt werden. In Berlin kann die Ausstellung des Erbscheins mehrere Monate dauern.

Folgende Unterlagen müssen dafür im Original oder notariell beglaubigt vorliegen:

  • Sterbeurkunde
  • Heiratsurkunde
  • Geburtsurkunde der Kinder des Toten
  • ggf. Scheidungsurteile
  • bei anderen Verwandten (Eltern, Geschwister, Nichten, Cousinen etc.): sämtliche Personenstandsurkunden, die die Verwandtschaft belegen.
Das Erbe ausschlagen

Hinterlässt der Tote Schulden oder Verbindlichkeiten, die das Vermögen übersteigen, ist es sinnvoll, das Erbe auszuschlagen. Das bedeutet allerdings, dass der gesamte Nachlass, also auch alle persönlichen Gegenstände, dem Staat zufallen.

In zweifelhaften Fällen sollte bei der Abwägung einer Erbausschlagung unbedingt eine Rechtsanwältin beraten.

Ab der Kenntnis des Erbes beträgt die Frist zum Ausschlagen des Erbes sechs Wochen. Zuständig ist entweder das Amtsgericht, in dessen Bezirk der Tote gemeldet war oder in dessen Bezirk die ausschlagende Person gemeldet ist.

Das Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz (BMJV) hat eine informative Broschüre zum Erbrecht herausgegeben.

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Unterlagen im Trauerfall

Die Versorgung der Toten

Bestatter_innen haben unterschiedliche Meinungen dazu, was eine angemessene Versorgung der Toten ist und was nicht, welcher Anblick für die Zugehörigen „zumutbar“ ist und welcher nicht.

Viele Bestatter_innen versuchen, den Toten den Anschein zu geben, als seien diese lebendig. Wir kennen dieses Bemühen von den Post-Mortem-Fotografien des 19. Jahrhunderts. Dort posieren Tote mit ihren Liebsten, sitzen auf Stühlen oder stehen mit Hilfe von Vorrichtungen sogar aufrecht. Tote sollen doch bitte nicht tot aussehen. Dahinter steckt die Angst, dass sich das letzte Bild so einprägt, dass es sämtliche Erinnerungen überlagert.

„Schminkst du die Toten auch?“, werde ich häufig gefragt. Meine Antwort ist: „ich trage Lidschatten und Lippenstift auf, wenn die tote Person das selbst immer gemacht hat.“ Aber ich tue nichts, was einen Toten lebendig oder zumindest schlafend aussehen lässt. Warum sollte ich? Beim Abschiednehmen geht es unter anderem darum, dass die Zugehörigen den Tod ihrer Liebsten begreifen – und zwar im Wortsinne. Und auch das Vergehen des Körpers darf wahrgenommen werden. So fällt es leichter, den Körper der Erde oder dem Feuer zu übergeben.

Warum ich den Mund nicht zunähe

Wenn sich unsere Muskeln entspannen, entspannt sich auch der Kiefer und manchmal steht dann der Mund offen. Die meisten Toten haben den Mund etwa zwei Finger breit geöffnet. Der sperrangelweit geöffnete Schlund, der an den „Schrei“ von Edvard Munch erinnert, kommt nur bei etwa 5% aller Toten vor. Insbesondere vor diesem Anblick fürchten sich manche Zugehörige. Daher gehört es zum guten Ton von konventionellen Bestatter_innen, den Mund jedes Toten mit einer Ligatur zu vernähen. Dabei wird mit einer groben, gebogenen Nadel ein Faden von außen durch den Unterkiefer und durch die Oberlippe in die Nase gestochen, durch die Nasenscheidenwand ins andere Nasenloch geführt und auf der anderen Seite wieder herunter.

Um ehrlich zu sein, ich beherrsche diese Methode nicht. Für mich ist sie ein invasiver Eingriff, der die Toten quält. Man mag einwenden, dass die Toten ja vollkommen schmerzfrei sind, aber allein die Symbolik, jemandem den Mund zuzunähen und den Gesichtsausdruck einzufrieren, ist für mich untragbar. Gerade der Gesichtsausdruck leidet bei der Ligatur, denn die Lippen der Toten werden zusammengepresst, sodass ein verkniffener Ausdruck entsteht. Wenn Zugehörige auf den Mundverschluss bestehen, versuche ich es mit sanfteren Mitteln wie einer Kinnstütze oder dem Hochbinden des Kinnes mit einem Tuch.

Gleiches gilt übrigens für das Verschließen der anderen Körperöffnungen, nämlich der Nasenlöcher, des Anus und der Vagina. Deren Tamponierung gilt als Standard hygienischer Versorgung. Auch die Augen werden in der Regel mit sogenannten Augenkappen, also kleinen Widerhaken auf der Innenseite der Lider, verschlossen. Nach meinem Empfinden sind das grenzüberschreitende Eingriffe, die ich meinen Toten nicht zumuten möchte.

Eine gute Versorgung

Einen Toten gut zu versorgen, heißt für mich liebevolles Zuwenden. Ich versuche, es ihm so behaglich wie möglich zu machen und ihn in eine angenehme Komfortlage zu bringen. Dazu gehört, Schläuche oder Katheder zu entfernen, ihn zu waschen und ihm eigene, frische Kleider anzuziehen. Der Austritt von Flüssigkeiten kann mit einer Einlage oder Windel verhindert werden. Wenn es zum Toten passt, benutze ich wohlriechende Seifen oder ein Massageöl. Die Haare werden geordnet und die trockenen Lippen befeuchtet. Die Augen drücke ich sanft zu, wenn sie wieder aufgehen, dürfen sie offen bleiben. Ich tue nichts, was ich nicht auch mit Lebenden tun würde.


Sargbeigaben

Dem Toten noch etwas mitgeben – ein Ritual, das so alt ist wie die Bestattung selbst. Aus ökologischer Sicht darf man alles mit in den Sarg geben, was man mit gutem Gewissen in die Erde oder ins Feuer geben kann. Dazu gehören auch die eigenen Kleider und die eigene Bettwäsche. Ich lade Zugehörige ein zu überlegen, was sie ihrer Toten mitgeben möchten. Die Resultate sind manchmal erstaunlich kreativ und berührend.

Was soll mit in den Sarg?

Worüber hätte sich die Tote wirklich gefreut? Zum Beispiel über Fotos von den Liebsten oder über ein kleines Geschenk? Ein Stein oder ein Andenken, das wichtig war?

Gab es etwas, dass die Tote immer bei sich hatte, zum Beispiel Bonbons, Stofftaschentücher, Zigaretten? Soll der Ehering oder die Armbanduhr mit in den Sarg? Hat sie sich geschminkt oder Parfum getragen?

Was hat sie gerne gegessen? Soll sie Reiseproviant mitbekommen? Zum Beispiel Schokolade, Gebäck, Obst oder eine Flasche Wein?

Womit vertreibt sie sich die Zeit? Zum Beispiel mit einem Buch, einem Rätselheft, mit Musik, einer Zeitung oder einem Spiel?

Ist noch etwas offen, das zu Lebzeiten nicht gesagt werden konnte, und was in einem Brief gesagt werden kann?

Beispiele für Sargbeigaben

Emre*, hat es geliebt, vormittags in der Sonne zu sitzen und zu genießen. Er bekommt ein Pfund Kaffee samt Lieblingstasse, Kekse, seine Lesebrille und die aktuelle Zeitung mit in den Sarg. Außerdem haben seine Enkel Bilder für ihn gemalt.

Sladja* ist in ihrem Leben viel gereist. Mit in den Sarg bekommt sie Münzen aus aller Welt. Eingehüllt ist sie in eine Decke aus Äthiopien, außerdem begleitet sie ein Buddha aus Laos und ein Säckchen Erde aus ihrer niedersächsischen Heimat.

Jonas* bekommt von seinen Freunden ein Bier und etwas zu rauchen. Außerdem einen Stick mit einer Playliste, ein Teddy aus Kindertagen und Fotos von seiner Familie. Er liegt in seiner grünen Lieblingsbettwäsche.

Rebekka* wollte in einem einfachen Leinentuch bestattet werden. Alle ihre Freund_innen haben ihr vorher letzte Grüße auf das Tuch geschrieben. Außerdem geben sie Rosenblätter mit in den Sarg.

Gute Trauerredner_innen

Eigentlich werbe ich dafür, dass die Zugehörigen auf der Trauerfeier selbst sprechen. Aber manchmal ist es sinnvoll, (zusätzlich) eine gute Trauerredner_in zur Trauerfeier einzuladen. Diese hält den Rahmen, indem sie die Trauerfeier moderiert oder die vielfältigen Stimmen der Zugehörigen in einer Trauerrede vereinigt. In einer guten Trauerrede wird der Tote erinnert, sein Sterben gemeinsam betrauert und die Verbundenheit zu ihm bestärkt.

Nicht jeder Trauerredner passt zu jeder Familie und jedem Toten. Im Folgenden stelle ich gute Trauerreder_innen vor, mit denen ich gerne zusammenarbeite. Sie alle sind überkonfessionell und lassen sich auf die Lebensgeschichte des Toten ein:

Alle Trauerredner_innen bieten:
  • ein mehrstündiges, persönliches Vorgespräch, in dem das Leben der verstorbenen Person ausführlich besprochen wird. Auch die Gestaltung der Feier, die Auswahl der Musik und eventuelle Rituale oder besondere Wünsche werden bei diesem Gespräch geplant
  • die Durchführung der Rede
  • das Redeskript nach der Trauerfeier
  • Kosten pro Rede: 400,00 EUR brutto (Ich nehme keinen Aufschlag.)

Anneli Klostermeier-FehrTrauerrednerin verfügt über die Gabe, sich mit den Toten liebevoll zu verbinden. Sie erzählt die schönste Version der Toten, so wie er oder sie sich gerne gesehen hätte, ohne dass Schwieriges verschwiegen wird. Im Vorgespräch fügt sich das Geschehene oft noch einmal zu neuen stimmigen Bildern und Sichtweisen. Anneli Klostermeier-Fehr ist Dramaturgin und Journalistin und hat drei Kinder im Schulalter.

 

Britt Hartmann lässt die Lebensmelodie der Toten erklingen, indem sie sich deren Leben auf ihre ganz eigene Weise annähert. Ihr Symbol, das Tränende Herz, steht für die Kraftquelle der Natur, die sie zu passenden Worten und individuellen Trauerritualen für die Hinterbliebenen inspiriert. Britt Hartmann ist 52 Jahre alt, Sozialpädagogin und Trauerbegleiterin. Im Kirchenkreis Reinickendorf leitet sie eine Trauergruppe für früh verwitwete Menschen.

Daniela Klein beginnt ihre Trauerreden immer mit einem Bild, einer Metapher oder einer kurzen Erzählung, die das Wesentliche der Toten widerspiegeln. Sie führt die Trauergemeinde durch die Trauerfeier und lädt ein, das Leben, die Wünsche und Sehnsüchte der Toten zu betrachten und ihr Vermächtnis zu würdigen. Daniela Klein ist 49 Jahre alt, hat in mehreren Ländern gelebt und ist unter anderem Historikerin, Theatermacherin und Fotografin.

Marco Ammer ist der Mann der Struktur. Aber sein formaler Datenbogen täuscht über die Hingabe und Leidenschaft hinweg, mit der er sich seiner Aufgabe als Trauerredner und Trauerbegleiter widmet. Einfühlsam und zugewandt kümmert er sich um die Toten und die Lebenden. Marco Ammer ist 42 Jahre alt, Schauspieler, Fernsehmoderator und Synchronsprecher.

Gute Trauerredner_innen

Seebestattung in der Ostsee

Meer

Wenn man ans Meer kommt
soll man zu schweigen beginnen
bei den letzten Grashalmen
soll man den Faden verlieren 

und.den Salzschaum
und das scharfe Zischen des Windes einatmen
und.ausatmen
und wieder einatmen

Wenn man den Sand sägen hört
und das Schlurfen der kleinen Steine
in langen Wellen
soll man aufhören zu sollen
und nichts mehr wollen wollen nur Meer 
Nur Meer

— Erich Fried

Seebestattung in der Ostsee

In der Frühe war ich mit dem Auto von Berlin zu meiner ersten Seebestattung aufgebrochen. Es war ein grauer, nasskalter Tag, eigentlich kein Wetter für eine Bootsfahrt. Ich bin ohnehin kein Freund von schwankendem Untergrund, aber ich wollte gerne diesen Verstorbenen und seine Angehörigen bei seiner letzten Fahrt begleiten. Der 74-jährige Heiner* war als junger Mann selbst viel gesegelt, unzählige Ostseeurlaube und schließlich eine Kreuzfahrt zum Nordkap zeugten von seiner Wasser-Leidenschaft. Die Entscheidung für eine Seebestattung war der Familie leicht gefallen.

Zunächst fuhr ich zur Reederei, die sich in einem kleinen, reetdachgedeckten Häuschen in der Nähe von Warnemünde befand. Der freundliche, ältere Kapitän erwartete mich schon, prüfte die Urne und die Papiere und fuhr mit mir zur Anlegestelle am Hafen. Am Meer wehte ein kräftiger Wind, Geruch von Salz und Seetang stieg mir in die Nase. Wir bestiegen die kleine MS Junimond. Ich postierte die weiße Seeurne in einem Kranz aus Tauen auf einem Holzsockel und stellte eine Schale mit Rosenblättern dazu. Möwen umkreisten den Schiffsmast, das unruhige Meer war schiefergrau.

Schließlich kamen die Angehörigen in bunten Regenjacken: Heiners Ehefrau Ulla*, der erwachsene Sohn Christian* und dessen Frau Rechja*. Die drei waren unsicher und ängstlich vor dem letzten Abschied. Aber sie blickten mir alle fest in die Augen, bereit für den letzten Gang. Wir hatten vereinbart, keine Trauerfeier im strengen Sinne abzuhalten. Worte waren hier ohnehin nicht nötig. Ulla ging direkt zur Urne und legte ihre Hand darauf. Die ganze Fahrt über stand sie dort schweigend, die eine Hand an der Urne, die andere untergehakt bei ihrem Sohn.

Als wir schließlich die genaue Beisetzungsstelle erreicht hatten, stoppte der Kapitän die Fahrt. Ich durfte die kleine Schiffsglocke läuten. Ulla küsste die Urne und übergab sie dem Kapitän. Der hob sie vorsichtig über Bord und ließ sie langsam an zwei Tauen ins Wasser gleiten. Ruhe in Frieden, sagte er, während er die Taue losließ. Die Urne ging nicht sofort unter, sondern sie trieb noch einige Sekunden auf den Wellen. Christian und Rechja streuten die Rosenblätter auf das bewegte Wasser. Die Blätter bildeten einen roten Blütenteppich und wir schauten ihnen lange nach. Schließlich betätigte der Kapitän dreimal das Schiffshorn, dann wendete er und nahm Kurs auf den Hafen.

Auf der Rückfahrt war die Stimmung gelöster, am Horizont blitzte sogar die Sonne zwischen den Wolken hervor. Wir saßen am Tisch und der Kapitän reichte uns heißen Tee. Rechja fragte nach der Vergänglichkeit der Seeurne. Der Kapitän erklärte, dass sich die Überurne in einigen Stunden auflöse und die Asche sich dann auf dem Meeresgrund verteile. Wohin Heiners Asche geschwemmt würde, könne niemand genau sagen, doch vielen gefalle die Vorstellung, dass die Asche bald in allen Weltmeeren treibe.

Zurück auf Festland trennten wir uns, der Abschied war herzlich. Trotz allem war ich froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben.

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Welches Grab

Wie riecht der Tod?

Die Frage nach den Gerüchen des Todes treibt viele Menschen um. Ja, der Tod riecht – so wie alles Menschliche. Der Verwesungsgeruch eines Menschen ist süßlich, ein bisschen metallisch, aber nicht unbedingt unangenehm. Manchmal mischt sich darin der Dunst von Stuhl, Blut oder Schweiß. Daher waschen wir die Toten gründlich und ziehen ihnen frische Kleider an. Es gibt den alten Brauch, wohlriechende Kräuter wie Lavendel, Lorbeer oder Rosmarin zu den Toten zu legen. Sie mildern den Verwesungsgeruch. Vormals dienten sie zur Abwehr böser Geister.

Aus der biblischen Ostererzählung kennen wir die Totensalbung, bei der Jesu Leichnam nach drei Tagen mit kostbaren Ölen gesalbt werden sollte. Auch heute reiben wir den Toten die Hände und das Gesicht mit duftendem Öl ein, beispielsweise mit Zitrus, Rose oder Sandelholz. Manchmal bekommen die Toten ihre eigene Handcreme, ihren Lippenbalsam oder ihr Lieblingsparfum.

Wie riecht der Tod
Mit duftenden Ölen reiben wir den Toten die Hände ein.

Dass die Verwesung fortschreitet, verrät uns als erstes unsere Nase. Am Geruch merken wir schließlich, dass es Zeit für den toten Körper ist, in die Erde oder ins Feuer zu gehen. Im Krematorium riecht es nach Ruß und Rauch, nicht unähnlich einem Kartoffelfeuer. Der Körper verschmorrt nicht, sondern er fängt Feuer und seine Atome werden der Atmosphäre übergeben.

Bei der Trauerfeier dürfen wir uns an den Düften der Blumen erfreuen: Rosen, Gerbera, Lilien, Veilchen, Camille, Pfingstrosen und viele andere. Der schwere Duft der Blumen erfüllt oft die ganze Trauerhalle und trägt uns durch die Feier. Wir können das frisch geschnittene Holz des unbehandelten Sarges riechen.

Zuletzt wird der Sarg oder die Urne in die Erde gesenkt. Feucht und moosig riecht die Erde. In ihr haben wir alle unseren Ursprung. Erde zu Erde, Asche zu Asche und Staub zu Staub.

Urnengrab

Der Tod

Der Tod ist eine Blume,
die blüht ein einzig Mal.
Doch so er blüht, blüht nichts als er.
Er blüht, sobald er will, er blüht nicht in der Zeit.

Er kommt, ein großer Falter, der schwanke Stengel schmückt.
Du laß mich sein ein Stengel, so stark, daß er ihn freut.

Paul Celan

Mein erster Toter

Mein erster Toter war Herr Meier. Ich habe ihn in meinem Praktikum bei memento Bestattungen kennen gelernt. An meinem zweiten Praktikumstag war ich mit Jan von memento zum Waschen und Anziehen von Herrn Meier verabredet. Bisher war meine Vorstellung von Toten eher gruselig gewesen: ich hatte Bilder von gespenstischen Zombies und Toten im Kopf, die mit langgewachsenen Haaren und Nägeln im Sarg wieder aufwachten. In der Nacht vor unserem Treffen konnte ich nicht schlafen. Würde ich mich vor dem Toten sehr erschrecken? Und was sollte mein Mentor Jan von mir denken, wenn ich ängstlich reagieren würde; schließlich wollte ich ja eigentlich Bestatter werden.

Bei Tageslicht sah es schon besser aus. Jan und ich radelten zum Krematorium Hennigsdorf durch die grüne Natur und Jan erzählte mir ein bisschen von Herrn Meier. Seine Asche werde auf dem Friedhof Ohlsdorf in Hamburg beigesetzt, wo er seine Kindheit verbracht habe. Außerdem hatte Jan von den Zugehörigen einen schwarzen Anzug und ein kleines Schachbrett mit Figuren für den leidenschaftlichen Schachspieler bekommen – das gefiel mir.

Als wir im Krematorium ankamen, zitterten mir doch etwas die Knie. Wir gingen in den kleinen Ankleideraum, wo schon der geschlossene Sarg bereitstand. Zuerst öffneten wir gemeinsam den Sarg. Dort lag Herr Meier mit ledriger Haut und weit geöffnetem Mund in einem blutigen Krankenhauskittel. Ein leicht süßlicher Geruch ging von ihm aus. Schläuche ragten aus seinem Körper, er sah elend aus. „Hallo, Herr Meier“, sagte Jan, „wir werden Sie jetzt für die letzte Reise zurecht machen.“ Vorsichtig schnitt Jan das Nachthemd auf und entfernte mit geschickten Handgriffen die Infusionsnadeln und Schläuche. Ich durfte mit einer Schere das Namensbändchen von Herrn Meiers Zeh entfernen. Der Fuß war kalt und steif. Dann bat Jan mich, mit lauwarmem Wasser die Pflasterspuren abzuwaschen. Das ging ganz gut und ich konnte mir auf diese Weise den unbekannten Körperzustand vertrauter machen.

Schließlich zogen wir Herrn Meier eine frische Unterhose und eine schicke schwarze Stoffhose an. Jan wies mich an, wo ich Herrn Meier anfassen sollte und wie ich ihn halten musste. Dann bekam Herr Meier noch ein weißes Hemd mit Manschettenknöpfen und ein Jackett angezogen. Ich schwitzte bei vollem Körpereinsatz. Schließlich durfte ich ihm die Socken und die glänzenden Lederschuhe anziehen; Jan band ihm eine große schwarze Fliege um den Hals – aus dem elenden Mensch im verschmutzten Krankenhauskittel war ein Gentleman geworden.

Im Anzug sah Herr Meier tatsächlich würdevoll aus, auch sein offener Mund störte mich nicht mehr, im Gegenteil, es machte ihn irgendwie verschmitzt. Ganz zum Schluss richteten wir ihm das Kissen und legten ihm das Schachbrett und die Figuren dazu.

mein erster Toter

Zum ersten Mal einen Toten sehen

Durch das Hantieren am toten Körper hatte ich alle Angst verloren. Obwohl ich Herrn Meier zu Lebzeiten nicht gekannt hatte, war er mir irgendwie vertraut geworden. Das also war mein erster Toter. Ich war stolz darauf, ihm etwas Gutes getan zu haben. Als wir den Sarg schlossen, verabschiedete ich mich von ihm und wünschte ihm eine gute Reise.

Draußen schien die Sonne. Glücklich und erleichtert stieg ich aufs Rad und fühlte, wie kostbar und schön das Leben war – und insbesondere mein Leben als Bestatter, das an diesem Tag begonnen hatte.

mein erster Toter