Ordnungsbehördliche Bestattung

Praxis und Kritik der ordnungsbehördlichen Bestattung

Von einer ordnungsbehördlichen Bestattung spricht man, wenn die Bestattung vom Amt beauftragt wird. Das ist der Fall, wenn keine bestattungspflichtigen Angehörigen vorhanden oder auffindbar sind. Oder auch wenn die bestattungspflichtigen Angehörigen ihrer Bestattungspflicht nicht nachkommen oder wenn sonst niemand von den Freund_innen die Bestattung veranlasst. Die ordnungsbehördliche Bestattung ist nicht zu verwechseln mit der sogenannten Sozialbestattung, bei der das Sozialamt den Angehörigen die Kosten erstattet.

In Berlin ist für die ordnungsbehördlichen Bestattungen das Gesundheits- beziehungsweise Ordnungsamt desjenigen Bezirks zuständig, in dem die Tote gemeldet war. Das Amt soll die bestattungspflichtigen Angehörigen oder andere zugehörige Personen, die die Bestattung beauftragen, zeitnah ermitteln. Dies geschieht über die Melderegister und Standesämter.
Wenn bestattungspflichtige Angehörige sofort ermittelt werden, bekommen diese eine Frist von nur sieben Tagen gesetzt, um die Bestattung zu veranlassen. Kommen sie dieser Pflicht nicht nach, wird ordnungsbehördlich bestattet. Häufig gelingt es den Ämtern nicht, in den wenigen Tagen bis zur Einäscherung Angehörige zu ermitteln. Dann erfahren diese die Todesnachricht erst nach der Beisetzung durch eine Rechnung über die Bestattungskosten.

In Berlin werden alle ordnungsbehördlichen Bestattungen von einem einzigen Bestattungsunternehmen durchgeführt, das bei der öffentlichen Ausschreibung das billigste Angebot unterbreitet hat. Das bedeutet, dass ich nie für ordnungsbehördliche Bestattungen beauftragt werde.

Ordnungsbehördliche Bestattungen sind in Berlin in der Regel Feuerbestattungen. Sie werden als stille Sammelbeisetzungen ohne Trauerfeier vollzogen. Die Urnen werden nicht in der Kapelle aufgebahrt. Das Grab ist ein anonymes Grab unter dem grünen Rasen. Meistens wird die Beisetzung nur von einem Friedhofsmitarbeiter durchgeführt und dauert pro Sterbefall etwa eine Minute. Billiger und unaufwendiger kann man einen Menschen in Deutschland nicht bestatten. Francis Seeck hat ein kritisches Buch über die Würdelosigkeit der ordnungsbehördlichen Bestattung geschrieben. Darin hat Francis herausgearbeitet, dass vor allem Menschen ordnungsbehördlich bestattet werden, die von Armut betroffen sind.

Widerstand:

Wer vorher weiß, dass er oder sie von ordnungsbehördlicher Bestattung betroffen ist, kann mit einer Willensbekundung Widerstand leisten. Die ordnungsbehördliche Bestattung hat einen routinierten Ablauf, der von dem schriftlich festgehalten Willen eines Toten unterbrochen werden kann. Zum Beispiel kann man schriftlich erklären, dass man eine Erdbestattung möchte oder auf einem bestimmten Friedhof, vielleicht im Grab der Partnerin bestattet werden möchte. Der Wunsch, mit einem christlichen, muslimischen oder jüdischen Segen bestattet zu werden, wird vom Gesundheitsamt vermutlich nicht ausgeschlagen. Auch die Beisetzung der Urne in einem europäischen Land ohne Friedhofszwang könnte ein Anliegen sein, dem das Gesundheitsamt stattgibt. Das Amt hat gewisse Spielräume. Auch die Äußerungen der Zugehörigen können berücksichtigt werden. Ich stehe jederzeit für ein kostenloses Gespräch zur Verfügung, um eine solche Willensbekundung zusammen aufzusetzen.

Natürlich kann diese individuelle Absicherung nicht der einzige Widerstand gegen ordnungsbehördliche Bestattung sein. Die Frage, wie wir als Gesellschaft mit Menschen umgehen wollen, für deren Bestattung auf die Schnelle niemand zuständig ist, muss breiter in der Öffentlichkeit diskutiert werden. Bisher gibt es nur einzelne (christliche) Initiativen wie beispielsweise das Grab mit vielen Namen in Kreuzberg, die sich der anonymen Bestattung entgegenstellen. Noch gibt es keine Lobby, die fordert, dass mehr Geld für eine würdige ordnungsbehördliche Bestattung in die Hand genommen werden muss. Ein erster Schritt wäre eine längere zeitliche Frist bis zur Beisetzung der Urne, in der nach Angehörigen und Weggefährten gesucht werden kann. Hier ist die Politik gefragt.

Sozialbestattung Feuerbestattung

Zum Weiterlesen:

Francis Seeck: Recht auf Trauer. Bestattungen aus machtkritischer Perspektive, Münster 2017
Interview mit Francis Seeck in der Pflegebibel vom 10. Mai 2017

Zum Anschauen:

Spielfilm über ordnungsbehördlichen Bestattungen in England: Mr. May und das Flüstern der Ewigkeit

Gesetzestexte zur ordnungsbehördlichen Bestattung:
  • Gesetz über das Leichen- und Bestattungswesen (Berliner Bestattungsgesetz)
  • Ausführungsvorschrift über ordnungsbehördliche Bestattungen nach § 16 Abs. 3 des Bestattungsgesetzes

 

Friedhofszwang    Kinder auf der Trauerfeier