Seebestattung in der Ostsee

Meer

Wenn man ans Meer kommt
soll man zu schweigen beginnen
bei den letzten Grashalmen
soll man den Faden verlieren 

und.den Salzschaum
und das scharfe Zischen des Windes einatmen
und.ausatmen
und wieder einatmen

Wenn man den Sand sägen hört
und das Schlurfen der kleinen Steine
in langen Wellen
soll man aufhören zu sollen
und nichts mehr wollen wollen nur Meer 
Nur Meer

— Erich Fried

Seebestattung in der Ostsee

In der Frühe war ich mit dem Auto von Berlin zu meiner ersten Seebestattung aufgebrochen. Es war ein grauer, nasskalter Tag, eigentlich kein Wetter für eine Bootsfahrt. Ich bin ohnehin kein Freund von schwankendem Untergrund, aber ich wollte gerne diesen Verstorbenen und seine Angehörigen bei seiner letzten Fahrt begleiten. Der 74-jährige Heiner* war als junger Mann selbst viel gesegelt, unzählige Ostseeurlaube und schließlich eine Kreuzfahrt zum Nordkap zeugten von seiner Wasser-Leidenschaft. Die Entscheidung für eine Seebestattung war der Familie leicht gefallen.

Zunächst fuhr ich zur Reederei, die sich in einem kleinen, reetdachgedeckten Häuschen in der Nähe von Warnemünde befand. Der freundliche, ältere Kapitän erwartete mich schon, prüfte die Urne und die Papiere und fuhr mit mir zur Anlegestelle am Hafen. Am Meer wehte ein kräftiger Wind, Geruch von Salz und Seetang stieg mir in die Nase. Wir bestiegen die kleine MS Junimond. Ich postierte die weiße Seeurne in einem Kranz aus Tauen auf einem Holzsockel und stellte eine Schale mit Rosenblättern dazu. Möwen umkreisten den Schiffsmast, das unruhige Meer war schiefergrau.

Schließlich kamen die Angehörigen in bunten Regenjacken: Heiners Ehefrau Ulla*, der erwachsene Sohn Christian* und dessen Frau Rechja*. Die drei waren unsicher und ängstlich vor dem letzten Abschied. Aber sie blickten mir alle fest in die Augen, bereit für den letzten Gang. Wir hatten vereinbart, keine Trauerfeier im strengen Sinne abzuhalten. Worte waren hier ohnehin nicht nötig. Ulla ging direkt zur Urne und legte ihre Hand darauf. Die ganze Fahrt über stand sie dort schweigend, die eine Hand an der Urne, die andere untergehakt bei ihrem Sohn.

Als wir schließlich die genaue Beisetzungsstelle erreicht hatten, stoppte der Kapitän die Fahrt. Ich durfte die kleine Schiffsglocke läuten. Ulla küsste die Urne und übergab sie dem Kapitän. Der hob sie vorsichtig über Bord und ließ sie langsam an zwei Tauen ins Wasser gleiten. Ruhe in Frieden, sagte er, während er die Taue losließ. Die Urne ging nicht sofort unter, sondern sie trieb noch einige Sekunden auf den Wellen. Christian und Rechja streuten die Rosenblätter auf das bewegte Wasser. Die Blätter bildeten einen roten Blütenteppich und wir schauten ihnen lange nach. Schließlich betätigte der Kapitän dreimal das Schiffshorn, dann wendete er und nahm Kurs auf den Hafen.

Auf der Rückfahrt war die Stimmung gelöster, am Horizont blitzte sogar die Sonne zwischen den Wolken hervor. Wir saßen am Tisch und der Kapitän reichte uns heißen Tee. Rechja fragte nach der Vergänglichkeit der Seeurne. Der Kapitän erklärte, dass sich die Überurne in einigen Stunden auflöse und die Asche sich dann auf dem Meeresgrund verteile. Wohin Heiners Asche geschwemmt würde, könne niemand genau sagen, doch vielen gefalle die Vorstellung, dass die Asche bald in allen Weltmeeren treibe.

Zurück auf Festland trennten wir uns, der Abschied war herzlich. Trotz allem war ich froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben.

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Welches Grab

Autor: julian.heigel

Bestatter

2 Gedanken zu „Seebestattung in der Ostsee“

  1. Danke für Deinen Bericht,ich habe ihn mit hohem Interesse gelesen, du hast mein Empfinden ausgesprochen. Wir haben meinen Mann, den Papa meiner Kinder, den Großvater unserer Enkelkinder am 14.07.2018 mit der Undine vor Warnemünde bestattet im Familienkreis , mit Patenkindern, Eltern und Schwager und Schwägerin. Ein trauriges und doch ein super tolles Familienwochenende in Warnemünde ,mit einer Familie die einen immer wieder auffängt.
    Danke , mir total aus der Seele erzählt

  2. Recht vielen Dank für die Erfahrung! Jede Bestattung ist immer ein Erlebnis, obwohl es immer schweigsam verläuft. Unser Nachbar war Kapitän und wünschte auch mit allen militärischen Ehren zu Grabe getragen werden. Wenn man den allerletzten Wunsch des Verstorbenen erfühlt, so wird man vom Gefühl ergriffen, als ob man sein Bestes getan hat:) Der Abschied fällt immer schwierig. Danke für diesen Erfahrungsaustausch!

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