Sarah Benz

Nette Bestatterin
Hallo Sarah Benz, du bist seit 2018 Bestatterin bei Thanatos Bestattung. Wie kam es dazu?

Ich bin seit 2006 ehrenamtlich in der Notfallseelsorge tätig und habe bei einem Einsatz einen Bestatter kennengelernt, der den Zugehörigen so viel Zeit gegeben hat, um sich zu verabschieden. Das hat mich beeindruckt und so habe ich mich mehr und mehr mit dem Abschiednehmen auseinandergesetzt. Ich habe dann begonnen, als Trauerbegleiterin zu arbeiten. 2015 habe ich das Kurzfilmprojekt „Sarggeschichten“ gegründet mit Jan Möllers von memento Bestattungen, wo Julian zu der Zeit gearbeitet hat.
Später als er Thanatos gegründet hat, war ich oft Assistentin bei ihm. Irgendwann hat er mich gefragt, ob ich Lust hätte, auch selber Begleitungen zu übernehmen. Ich hatte 🙂

Was magst du an dieser Arbeit?

Ich darf so viel Liebe sehen, die zwischen den Menschen ist. An meine erste Begleitung kann ich mich noch gut erinnern. Der Mann war plötzlich gestorben und seine Frau hat ihn mit uns angezogen und ihm die Haare gekämmt und ihn rasiert. Die ganze Zeit hat sie geweint, mit ihm geredet und ihn gestreichelt. Da war so viel Wärme und Liebe im Raum, das hat uns alle sehr bewegt. Beim Anziehen fiel ihr plötzlich auf, dass sie seine Socken vergessen hatte. Da hat sie einfach ihre eigenen ausgezogen und ihm angezogen.
Ein anderes Beispiel: ein Sohn hatte eine ganz schlechte Beziehung zu seinem Vater, aber er wollte ihn unbedingt selbst versorgen und in den Sarg legen. Dabei hat sich dann eine ganz große Ruhe in ihm ausgebreitet und er konnte sich plötzlich liebevoll dem Vater zuwenden, auf den er eigentlich eine große Wut hatte. Das sind Momente, wo ich merke, wie viel es in Menschen bewegen kann, wenn sie die Möglichkeit bekommen, so Abschied zu nehmen, wie sie es gerne möchten. Wenn ich dafür einen Raum geben kann, macht mich das einfach sehr froh.

Einer deiner Schwerpunkte sind Babybestattungen. Ist das nicht oft sehr traurig?

Traurigkeit lässt sich nicht messen, so sehr wir es auch versuchen. Ich glaube das entspringt der Hoffnung, den Tod kontrollieren zu können, denn was ich messen kann, kann ich einordnen. Trauer und Verlust lässt sich aber nicht einordnen und wir müssen irgendwie mit der Ohnmacht klar kommen, die der Tod in uns auslöst.

Trotzdem haben wir oft das Gefühl, dass es gegen die Natur ist, wenn Babies sterben, besonders unfair und besonders dramatisch. Das tut sehr weh. Aber es gibt hier auch besonders liebevolle und zarte Momente, z.B. wenn Eltern ihr Kind selbst waschen und ankleiden, im Arm halten, wiegen und besingen. Bei der Gestaltung der Trauerfeier bringen Familien und Freund_innen dann oft besonders kreative Ideen ein und es entsteht häufig ein schönes Miteinander. 

Sarggeschichten

Du machst ja auch noch andere Sachen außer dem Bestatten, erzähl mal davon!

Seit 2015 mache ich die Sarggeschichten, Kurzfilme über Sterben, Tod und Trauer, die gibt es auf unserem YouTube Kanal zu sehen. Damit wollen wir informieren, was alles möglich ist, wenn der Tod ins Leben tritt und Menschen ermutigen, ihre Abschiedsprozesse selbstbestimmt zu gestalten.
Daneben unterrichte ich Kommunikation ohne Worte, ein Trainingsprogramm für nonverbale Kommunikation mit sterbenden, kognitiv eingeschränkten und demenzerkrankten Menschen. Damit bin ich in vielen Palliativ- und Altenpflegeeinrichtungen, aber auch bei Seelsorgenden, Betreuungskräften oder Menschen, die in Behinderteneinrichtungen tätig sind. Daneben arbeite ich als Trauerbegleiterin und leite ein Trauercafé. Ich biete auch Einzelberatung an, vor Ort in Berlin oder auch online über Zoom. (sarah@trauern-und-hoffen.de)

Wo kommst du ursprünglich her und wie bist du aufgewachsen?

Ich bin an einem Friedhof aufgewachsen und habe dort öfter gespielt und mich mit den alten Leuten unterhalten, die dort ihre Gräber pflegten. Mein Elternhaus war geprägt von Kunst und Musik und wir haben viel miteinander geredet. Dabei gab es immer eine Offenheit gegenüber Gefühlen und Gedanken, den schönen aber auch den schweren. So habe ich früh gelernt, dass traurige und belastende Themen leichter werden, wenn man darüber reden kann.

Auf twitter folgen dir viele Menschen, denn dort klärst du über Sterben, Bestatten und Trauern auf. Aufklärung ist dir wichtig?

Als ich den Account begann, bekam ich viele Nachrichten von Menschen, die traurig waren, weil sie von den Möglichkeiten und Rechten, die sie im Bestattungsprozess wichtiger Menschen gehabt hätten, gar nichts wussten und sie deshalb auch nicht nutzen konnten. „Das hätte ich auch gerne getan, aber ich wusste gar nicht, dass es geht.“ Sich für oder gegen etwas zu entscheiden, setzt voraus, dass die Möglichkeiten bekannt sind. Ich möchte dass alle wissen, was möglich ist, damit Abschiedprozesse selbstbestimmt gestaltet werden können. Jetzt erhalte ich auch Nachrichten von Menschen, die sich getraut haben, die Urne ihres Vaters zu tragen, oder ihre Großmutter selbst anzuziehen, weil sie das auf meinem Account gelesen haben. Das macht mich sehr froh, denn das ist die Veränderung, die ich mir für unsere Abschieds- und Trauerkultur wünsche.

Sarah Benz