Abschiednahme vom toten Körper

Totenfürsorge

Tote sehen, riechen, berühren, vielleicht sogar küssen – in der westlichen Gesellschaft ist der tote Körper so tabuisiert und angstbesetzt, dass sich das viele Menschen gar nicht vorstellen können. Wer sich aber mit genügend Zeit auf die ruhige und oft friedliche Ausstrahlung der Toten einlässt, spürt, dass von ihnen nichts Beängstigendes ausgeht. Im Gegenteil, für die meisten Trauernden ist die Abschiednahme vom toten Körper eine heilsame Erfahrung. Das sinnliche Wahrnehmen, nämlich Sehen, Riechen und Ertasten, dass der Körper kalt und ohne Blutkreislauf ist, hilft zu begreifen und anzuerkennen, dass der geliebte Mensch nicht mehr lebendig ist. Es macht den Tod weniger abstrakt und lässt uns seine Zumutung besser aushalten.

Bei einer Abschiednahme erleben viele Menschen Momente von Ruhe und sind zumindest zeitweise im Einklang mit dem Geschehenen. Die Trauer wird dadurch nicht gemindert, aber viele Menschen fühlen sich gestärkt. Sie bekommen eine Idee davon, dass sie mit der Trauer leben können.

Gerade bei einem unvorhergesehen tragischen Tod ist die Konfrontation mit dem toten Körper wichtig. Viele Zugehörige können den plötzlichen Tod erst glauben, wenn sie sich selbst davon überzeugt haben. Auch die fantasierte Verwechselung, an die sich Trauernde wie einen Strohhalm klammern, kann so von ihnen selbst ausgeschlossen werden.

„Ich möchte meine Mutter so in Erinnerung behalten, wie sie gelebt hat“, ist eines der häufigsten Argumente, mit dem sich Menschen gegen eine Abschiednahme entscheiden. Aber die Furcht, dass sich das letzte Bild wie ein Alpdruck im Kopf festsetzt, ist unbegründet, denn ein einziger Anblick kann nicht alle anderen Erinnerungen überlagern. Der Eindruck von friedlicher Gelassenheit und der häufig wundersamen Verjüngung einer Toten kann sogar ein positives Gegenbild zu den möglicherweise qualvollen letzten Wochen des Sterbeprozesses sein. Ohnehin verschieben sich unsere Erinnerungen an die Toten über die Jahre von den letzten präsenten Monaten zu der gesamten gemeinsam gelebten Zeit.

Die Formen der Abschiednahme sind vielfältig: alleine, mit wenigen oder mit vielen bei der Toten sitzen, ihre Hand halten, sie streicheln, mit ihr sprechen, schweigen, gemeinsam von ihr erzählen, das geteilte Leben erinnern, beten, singen, weinen, lachen oder sogar bei der Toten essen und trinken. Nichts anderes ist übrigens die alte Praktik der Totenwache, die uns weitgehend verloren gegangen ist. Über Jahrhunderte war es normal, Tote über einen längeren Zeitraum zu Hause aufzubahren, sodass sich viele Menschen von ihnen verabschieden konnten. Tote stiften Gemeinschaft. In der gemeinsamen Trauer wird die Verbundenheit unter den Lebenden gestärkt.

Der Ort der Abschiednahme kann das Sterbebett zu Hause, im Pflegeheim oder im Krankenhaus sein oder ein Abschiedsraum beim Fuhrunternehmen, im Krematorium oder auf dem Friedhof. Die zeitliche Dauer wird von den Bedürfnissen der Trauernden bestimmt. Im Rahmen der gesetzlich erlaubten Örtlichkeiten kann sie auch heute mehrere Tage dauern.

 

Meine Aufgabe als Bestatter:

Ich ermögliche die Abschiednahme und begleite Trauernde dabei. Beispielsweise beschreibe ich ihnen vor der Tür genau, wie der Tote aussieht und welchen Eindruck er auf mich macht. Manchmal halte ich Trauernden die Hand, manchmal bin ich nur im Hintergrund. Häufig gibt es noch etwas, das getan werden soll, zum Beispiel den Toten anziehen, die Hände oder das Gesicht einölen, das Kissen richten, Fotos machen, Sargbeigaben mitgeben. Das alles machen wir gemeinsam, wenn Trauernde es möchten. Wenn der Zeitpunkt gekommen ist, betten wir den Toten in den Sarg ein. Auch nach der Abschiednahme bin ich für die Zugehörigen da und achte darauf, dass sie gut und sicher nach Hause kommen.

Selbst Anziehen     Die Abholung