Was bedeutet selbstbestimmtes Bestatten?

Erdbestattung oder Feuerbestattung

Dieser Text erschien als Beitrag der Zeitschrift EB Erwachsenenbildung, Heft 4/25:

Fast jeder Mensch erlebt irgendwann den Tod und die Bestattung eines nahestehenden Menschen. Bestatten gehört quasi zum Menschsein dazu. Und doch existiert in unserer Gesellschaft eine Abneigung oder sogar Angst vor den Dingen der Bestattung. Viele Menschen scheuen sich, Tote zu berühren oder sie auch nur anzusehen. Gleiches gilt für Trauerfeiern und Trauerreden, denen landläufig ein gewisses Misstrauen entgegengebracht wird. Bestattungen haben den Ruf, inhaltleeres, überflüssiges Brimborium zu sein, die den Zugehörigen1 kein Herzensanliegen, sondern lästige, kostspielige Pflicht sind.

Die Gründe dafür sind mannigfaltig, ich nenne nur die Stichworte Urbanisierung, Professionalisierung der Pflege und Hospitalisierung am Lebensende. Aufschlussreich ist auch die Entwicklung des Bestatterberufs im 20. Jahrhundert, der die separaten Berufsfelder Leichenwäscherin, Tischler, Kutscher, Kirchendiener und Totengräber in sich vereinigt und eine Professionalisierung der Bestattung bewirkt. Die Bestattungspraxis hätte vielleicht einen andere Entwicklung genommen, wenn das Grauen des 20. Jahrhunderts nicht dazu beigetragen hätte, den Tod ins Unsagbare zu verbannen.

In den letzten Jahrzehnten ist zunehmend vom „Wandel der Bestattungskultur“ die Rede. Dieser Wandel hat seine Wurzeln in den gesellschaftspolitischen Bewegungen der 1980er Jahre. Die Hospizbewegung sowie Selbsthilfegruppen wie beispielsweise für Krebserkrankte, Hinterbliebene von Suizid oder verwaiste Eltern bemühten sich früh darum, Sterben und Trauer aktiv zu gestalten. Ebenfalls zu nennen sind auch die Aidsbewegung und New Age, die sich dezidiert von christlichen Zeremonien abwandten und nach neuen, passenden Ritualen des Übergangs suchten. Was zunächst Subkultur war, wandelte sich im Lauf der Zeit. Die „individuelle“ Bestattung, die durch persönliche Trauerreden oder selbst ausgewählte Musik die Einzigartigkeit des Verstorbenen ins Zentrum stellt, gehört mittlerweile zum Mainstream. Entscheidend für die Gestaltung einer Bestattung sind heute die Wünsche der Verstorbenen und ihrer Zugehörigen.

Dementsprechend hat sich das Berufsbild der Bestattenden verändert. Früher sorgten Bestattende als unsichtbare Bedienstete für einen reibungslosen Ablauf der Bestattung, bei dem die Zugehörigen möglichst wenig eingebunden waren. Heute sehen viele Bestattende ihre Arbeit vor allem in einer psychosozialen Begleitung, die es ermöglicht, die Bestattung als Gestaltungsfeld der Trauer und der Erinnerung zu begreifen. Diese Bestattenden fragen nach der Persönlichkeit der Verstorbenen und nach der Bedeutung ihres Todes für die Zugehörigen. Sie fragen nach tieferliegenden Anliegen in Bezug auf die Bestattung und machen Vorschläge, wie diese Anliegen in einem oder mehreren sinnstiftenden Ritualen umgesetzt werden können. Die Stichworte sind Aufklärung, Transparenz und Zugang zum toten Körper. Nur wenn Zugehörige wissen, welche Möglichkeiten sie in Bezug auf die Gestaltung des Bestattungsprozesses haben, können sie informierte Entscheidungen treffen. Zugehörige werden zu Handelnden, die den Prozess der Bestattung nicht ohnmächtig durchleiden müssen, sondern ihn bewusst steuern.

Auch die neuere Forschung2 zur Trauer betont die Relevanz der bewussten Trauerarbeit rund um die Bestattung. Dabei ist insbesondere die Zeit zwischen Tod und Bestattung in den Fokus gerückt. Man spricht von Schwellenzeit oder Schleusenzeit3, in der wichtige Weichen für die nachfolgende Zeit der Trauer gestellt werden. Die Schleusenzeit ist die Zeit, sich vom toten Körper zu verabschieden. Es tut vielen Zugehörigen gut, sich ihren Verstorbenen in geschütztem Rahmen und mit genug Zeit zuzuwenden. Die Verstorbenen sehen in der Regel entspannt und schmerzfrei aus, oft geht eine große Ruhe von ihnen aus. Manche Zugehörige wollen ihren Verstorbenen noch einmal körperlich nah zu sein, indem sie sie anfassen, streicheln oder küssen. Wenn sie möchten, können die Zugehörigen ihre Verstorbenen selbst waschen und ihnen die letzte Kleidung anziehen. Sensible Bestattende unterstützen sie bei diesem Vorhaben und ermutigen die Zugehörigen, das zu tun, was sie möchten. Viele Zugehörige fühlen sich durch diese Tätigkeit gestärkt und bekommen eine Idee davon, dass sie mit der Trauer leben können.

Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch zu betonen, dass man sich von jedem Körper verabschieden kann, auch wenn dieser schon deutliche Zeichen der Verwesung zeigt. Wenn der Prozess so weit fortgeschritten ist, dass ästhetische Maßnahmen nicht mehr greifen, kann der Körper beispielsweise unter einem Tuch ertastet werden.

Die Feuerbestattung ist in Deutschland mit knapp 80% die häufigste Bestattungsart. Viele Menschen wissen nicht, dass man die Einäscherung im Krematorium begleiten und dort vor Ort sehen kann, wie der Sarg ins Feuer fährt und verbrennt. Manchen ist es wichtig, auch diesen letzten Schritt des toten Körpers zu begleiten, oder bezeugen zu können, wie der Körper zu Asche transformiert wird. Der Gang ins Krematorium kann ein weiterer Trittstein im Prozess des Abschiednehmens sein.

Viele Trauernde haben das Bedürfnis, von ihrem Verstorbenen zu erzählen und auf diese Weise, die Beziehung im Erzählen zu deuten. Auf die Frage „Wer war xy und was hat diesen Menschen ausgemacht?“ kommen viele Zugehörige ins Reden. Wenn mehrere Zugehörige anwesend sind, gibt es einen lebendigen Austausch über den Verstorbenen. Das Initiieren und Steuern solcher Gespräche ist Teil einer zugewandten Begleitung, die sich nicht an stereotypen Floskeln entlanghangelt, sondern der spezifischen Trauer der Zugehörigen Raum gibt und ihre individuellen Bedürfnisse erfragt. Das, was man im religiösen Setting Seelsorge nennt, hat sich in den letzten Jahrzehnten auch in den Aufgabenbereich von Bestattenden verlagert. Aus diesen Gesprächen werden oft Ideen und Rituale für die gemeinsame Trauerfeier entwickelt.

Für die Gestaltung der Trauerfeier gibt es unendlich viele Möglichkeiten. Leitend kann die Frage sein, welches Anliegen mit einem einzelnen Ritual oder mit der gesamten Trauerfeier zum Ausdruck gebracht werden soll. Große Kraft entfalten beispielsweise Gesten der Gemeinschaft, die die Verbundenheit der Lebenden in der Trauer betonen wie das gemeinschaftliche Versammeln um die Urne oder den Sarg, das gemeinsame Tragen des Sarges, das gemeinsame Singen oder das gemeinsame Bemalen von Sarg oder Urne. Was für die eine Trauergesellschaft genau richtig ist, wäre für die andere fehl am Platz, deswegen ist es wichtig, dass die Zugehörigen um die Möglichkeiten wissen und echte Entscheidungsfreiheit haben.

So entstehen selbstbestimmte Abschiede, die zu den Verstorbenen passen und die die Lebenden stärken.

1 Statt Angehörige wird hier von Zugehörigen gesprochen. Der Begriff Zugehörige ist kein juristischer Begriff. Er macht deutlich, dass die Zugehörigkeit zwischen Menschen auch ohne den Status der Verwandtschaft oder Ehe gegeben ist. In diesem Sinne schließt der Begriff alle Menschen ein, die einer verstorbenen Person zugehörig sind.

2 Praxisbezogene Ansätze finden sich im deutschsprachigen Raum unter anderem bei: William Worden, Jorgos Canacakis, Roland Kachler, Chris Paul und Mechthild Schroeter-Rupieper.

3 Den Begriff Schleusenzeit hat die niederländische Trauerforscherin Ruthmarijke Smeding geprägt, s. Ruthmarijke Smeding: Trauer erschließen. Eine Tafel der Gezeiten, 2005.

Autor: julian.heigel

Bestatter

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