Wie fühlt sich der Tod an – mit dem Tastsinn?

Wie fühlt sich der Tod an - mit dem Tastsinn

Manchmal muss man etwas anfassen, um es zu verstehen. Bei einer Bestattung können wir vieles durch die Sensibilität unseres Tastsinns begreifen.

Der Tastsinn hilft uns zum Beispiel bei der langsamen Annäherung an die Toten. Mit den Fingerspitzen können wir die Maserung des Sarges ertasten und so das letzte Bett besser kennen lernen. Die Stoffe der Totenkleider können wir befühlen, zum Beispiel feine Seide oder grobe Baumwolle. Wir dürfen die weiche Wolldecke noch einmal in die Hand nehmen oder das Gewicht des letzten Kissens spüren.

Der erste Eindruck bei der Berührung des toten Körpers ist oft, dass der Körper kalt und vielleicht ein bisschen steif ist. Die Steifigkeit lässt sich durch leichtes Massieren der Muskeln etwas auflösen, die starren Hände kann man zum Beispiel mit einer Creme oder einem Öl geschmeidig machen. Die Augen unserer Toten lassen sich mit sanftem Druck schließen, für viele ist diese Geste tröstlich. Wenn wir den Toten über ihre faltigen oder glatten Wangen streichen, scheinen viele ein bisschen zu lächeln oder sind wir, die sich dadurch besser fühlen? Vielleicht umarmen wir unsere Toten noch einmal oder legen unseren Kopf auf ihre Brust. Manches Ungesagte kann in solchen Berührungen zum Ausdruck gebracht werden. Die körperliche Nähe ist uns vertraut und gleichzeitig wissen wir, dass dies das letzte Mal ist, dass unsere Körper sich nahe sind.

Im Sarg dürfen wir es den Verstorbenen bequem machen. Wir richten das Kissen, streichen die Decke glatt, kämmen die Haare, legen die Hände zusammen oder locker neben den Körper. Es ist die allerletzte Fürsorge für den Körper eines geliebten Menschen. Wie fühlt sich der Tod an?

Manche wollen sich etwas vom Körper ihrer Toten aufbewahren und nehmen von ihnen einen Fingerabdruck, eine Haarlocke, Gesichtsabformung oder eine Handabformung aus Gips. Auch wenn die Gipshand kalt und hart ist, ist es für manche ein großer Trost, diese Hand zu halten, zu streicheln und zu küssen und auf diese Weise ihren Verstorbenen nahe zu sein.

Bei der Kremation wird der Körper im Feuer transformiert. Die gewaltigen Kräfte können wir wahrnehmen, wenn wir den Sarg bis zur Einfahrt in den Ofen begleiten. Dort schlägt uns die Hitze entgegen. Nur ein paar Sekunden dauert es, bis der Sarg Feuer fängt und der unverwechselbare Körper seine Gestalt für immer verliert.

Was nach dem Feuer bleibt, ist grobkörnige, graue Asche mit einzelnen kleinen Knochensplittern. Die staubige Asche wie ein Sämann mit ausladender Geste aufs Feld zu streuen und so symbolisch etwas Neues anzufangen, ist in Deutschland nicht erlaubt. Die Asche wird in eine fest verschlossene Aschekapsel abgefüllt. Aber wir dürfen die Urne auf dem Friedhof beim letzten Gang zum Grab tragen. Das Material der Urne ist aus Keramik, Holz, Metall, Maisstärke, Blumen, oder Filz. Wie ein Kleinkind auf dem Arm tragen wir unsere Toten, obwohl wir sie nicht mehr berühren können.

Vielen Überlieferungen nach sind wir alle aus Erde geformt und werden wieder zu Erde. Mit einer Handvoll Erde übergeben wir unsere Toten symbolisch dem Erdreich und vertrauen sie der Mutter Erde an. Eine Weile tragen wir noch ein bisschen Erde an unseren Händen.

Wie fühlt sich der Tod an?

Autor: julian.heigel

Bestatter

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.