Selbstversuch Totenfürsorge

Auf der Bremer Messe „Leben und Tod“ 2019 bot meine Kollegin Sarah Benz von den Sarggeschichten einen Workshop zur Totenfürsorge an. Es ging darum, mit den circa 15 Teilnehmenden eine Totenfürsorge zu gestalten. Dazu brauchte es einen Toten und den sollte ich spielen. Ich musste mich bis auf die Unterhose ausziehen und auf eine Liege legen. Vorher hatte ich ein paar Stichworte zu meiner Person gesagt, die ich in diesem Zusammenhang für wichtig hielt: Mir ist schnell kalt, ich werde nicht so gerne von fremden Menschen angefasst, ich mag klassische Musik und spiele Orgel.

Und nun schloss ich die Augen und spitzte die Ohren, um zu hören, was die anfangs schüchternen, mit der Zeit immer selbstbewusster werdenden Teilnehmenden für Gedanken hatten. Sie berieten sich, dass sie mich gerne mit warmem Wasser waschen würden, aber nicht zu intensiv. Damit ich nicht frierte, deckten sie meinen Körper mit einer leichten Wolldecke ab. Jemand hatte den Impuls, mit einem angenehm warmen Waschlappen und duftender Seife meine Hände zu waschen, ein andere Person widmete sich meinen Füßen. Es waren liebevolle Berührungen von Menschen, die ich nicht kannte.

Sie sprachen dann über Musik, jemand hatte Orgelmusikkonzerte von Händel auf seinem Handy. Die wuchtige Orgelmusik aus dem scheppernden Lautsprecher war nicht nach meinem Geschmack, aber Tote äußern sich nicht zu solchen weltlichen Dingen. Überhaupt wurde es mir zunehmend gleichgültiger, was die Lebenden mit meinem Körper veranstalteten. Die Schwerkraft zog meine Gebeine nach unten, während mein Geist sich mehr und mehr nach innen richtete. Die Lebenden gaben sich viel Mühe, sie zogen mir behutsam die Hose an und strengten sich an, mir T-Shirt und Pullover über den Kopf zu ziehen, ohne mir weh zu tun. Ich dagegen gab mich der unendlichen Entspannung meiner Gesichtsmuskulatur und dem Enthobensein aller Mühsal hin. War es so, tot zu sein? Ich fühlte mich geborgen und gleichzeitig weit entfernt von den Lebenden. So real hatte sich der eigene Tod noch nie angefühlt. Wie wäre es, wenn mein Leben jetzt zu Ende wäre? In mir stieg Trauer auf. Ich spürte deutlich, dass mein Leben noch nicht zu Ende gelebt war. Und dann kamen mir diejenigen in den Sinn, die tatsächlich um mich trauern würden. 

Die Lebenden hatten unterdessen angefangen, sich von mir zu verabschieden. Offensichtlich machten sie ernst. Alle Teilnehmenden kamen noch einmal zu mir und legten mir eine einzelne Blume auf den Körper. „Danke, dass du da warst, Julian“, „gute Reise“, „ich danke dir für diese Erfahrung“, „mach’s gut, Julian“. Ich kannte die Menschen nicht und trotzdem rührten mich ihre Worte. Als meine Kollegin sich verabschiedete, musste ich schlucken. Das ist doch nur ein verdammtes Spiel, hätte ich am liebsten gerufen.

Schließlich wurde das „Spiel“ beendet und ich wurde aufgefordert zurückzukommen. Ich erhob mich, schluckte die Tränen runter, räusperte mich und bedankte mich bei den Teilnehmenden. In der Reflexionsrunde sagte ich, dass es mir als Toter gar nicht so wichtig gewesen sei, was mit meinem Körper getan worden sei. Das erstaunte mich selbst. Offensichtlich zählt vor allem die Geste und Abschiedsrituale sind in erster Linie für die Lebenden da.

Mein persönliches Fazit: ich habe nichts gegen den Tod, aber jetzt bitte noch nicht!

Selbstversuch Totenfürsorge

Die Totenfürsorge

Autor: julian.heigel

Bestatter

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