Ein Sarg aus Pilz – unbezahlte Werbung
Eine Bestattung umweltfreundlich zu gestalten, ist gar nicht so einfach. Selbst wenn man sich um einen lackfreien Holzsarg und Stoffe aus Naturfasern bemüht: Der menschliche Körper ist längst kein unbelasteter Naturstoff mehr. Im Laufe des Lebens hat er Schwermetalle, Medikamentenrückstände und sogar Plastikpartikel eingelagert.
Die Feuerbestattung ist leider auch keine umweltschonende Alternative. Sie benötigt viel Energie und verursacht CO2-Emissionen. Zwar verfügen die Krematorien heute über eine mehrstufige Abgasreinigung, sodass giftige Rückstände aus der Verbrennung nicht einfach in die Luft geblasen werden. Aber diese Rückstände müssen anschließend als Sonderabfall entsorgt werden, teilweise sogar unter Tage in einem Salzstock. Die menschliche Asche ist ebenfalls nicht frei von Schadstoffen. Eine vom Umweltbundesamt vorgelegte Studie spricht davon, dass sich die Konzentration von Schwermetallen in der Asche schädigend auf Bodenorganismen, Pflanzen und das Grundwasser auswirken kann.
Der Loop Living Cocoon™
Es bräuchte ein Material, das unsere Giftstoffe, Schwermetalle und Plastikpartikel zurückhält und verhindert, dass sie ins Grundwasser gelangen. – Ach, das gibt es ja schon, und zwar als Sarg. Der Sarg aus Pilz (Myzel) und recycelten Hanffasern der niederländischen Firma Loop Biotech kann nach Angabe des Herstellers bestimmte Schadstoffe, insbesondere Schwermetalle, binden. Dies geschieht durch die sogenannte Biosorption, bei der sich Schwermetall-Ionen an die Zellwand von Pilzen anlagern. Auf diese Weise werden bestimmte Schadstoffe in der oberen Bodenschicht festgehalten. Allerdings ist unklar, ob der Pilz diese Schadstoffe freigibt, wenn er selbst zerfällt. Aber auch bei der Zersetzung des verstorbenen Körpers hilft das Myzel. Pilze produzieren Enzyme, die abgestorbenes organisches Material – nämlich Proteine, Fette und Kohlenhydrate – in kleinere Bestandteile zerlegen und dabei Nährstoffe freisetzen.
Myzel ist ein organischer, nachwachsender Rohstoff, der innerhalb von sieben Tagen ohne Zufuhr von Licht, Strom oder Wärme in die vorgegebene Sargform hineinwächst. Wenn das Myzel trocknet, wird das Wachstum gestoppt und die Form bleibt stabil. Erst durch den Kontakt mit Regen oder Grundwasser wird das Myzel wieder aktiviert.
Ein Sarg muss nicht zwingend aus Holz bestehen, sondern aus stabilem, leicht vergänglichem Material. (Vgl. beispielsweise die Verordnung zur Durchführung des Bestattungsgesetzes in Berlin, §§ 14ff.). Demnach entspricht der Pilzsarg den gesetzlichen Vorgaben für die Erd- und die Feuerbestattung. (Es ist also auch möglich, den Pilzsarg bei einer Kremation zu benutzen.)
Der Pilzsarg ist mit 30kg vergleichsweise leicht und mithilfe der Jutegriffe gut zu handhaben. Seine Tragfähigkeit liegt bei 200kg. Innen ist der Sarg aus Myzel mit frischem Moos ausgelegt. Andere Naturstoffe wie Heu oder Schnittgrün sind ebenfalls möglich.

Nachhaltig – aber noch zu teuer
Es bleibt die Frage, warum der nachhaltige Pilzsarg nicht längst den Holzsarg in Deutschland verdrängt hat. Der Hauptgrund ist natürlich der Preis: Ein Sarg aus Pilz kostet im Einkauf derzeit knapp 1500 Euro, ein einfacher Holzsarg liegt im Durchschnitt bei etwa 200 Euro. Eigentlich absurd, dass der viel schneller nachwachsende Rohstoff Pilz so viel teurer ist als das über Jahre wachsende Holz. Aber Holzsärge werden industriell in großen Stückzahlen hergestellt und effizient vertrieben, während Myzelsärge bisher ein Nischenprodukt darstellen. Nur mit wachsender Nachfrage wird sich der Preis senken lassen.
Die Mühlen der Bestattungskultur mahlen langsam in Deutschland und die Bestatterlobby ist nicht für Innovation bekannt. Und so werden uns wohl unsere europäischen Nachbarländer, voran die Niederlande, vormachen, wie man flächendeckend holzfrei und nachhaltig bestattet.
